Mediendienst Nr. 2347 vom 29. Januar 1998

Die Mechanisierung der Landwirtschaft verlagert sich vom Feld in den Stall

Die angespannte Einkommenssituation hält zukunftsorientierte Bauern nicht davon ab, in Maschinen und Geräte zu investieren. Der zunehmende Wettbewerbsdruck und der Strukturwandel zwingen im Gegenteil zur Mechanisierung – allerdings mehr in Hof und Stall als auf dem Feld.

Von Richard Pfister

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Die schweizerische Landwirtschaft wird extensiver und ökologischer, das sogenannte "Bauernsterben" reduziert die Anzahl Betriebe immer mehr, und die landwirtschaftlichen Einkommen waren in den letzten Jahren im Durchschnitt rückläufig oder zumindest stagnierend. Dennoch investieren Bauern weiterhin ansehnliche Summen in Maschinen und Geräte, um so die Produktivität zu steigern. Davon zeugen beispielsweise die von Mal zu Mal steigenden Besucherzahlen der nationalen Landmaschinenschau AGRAMA in St. Gallen, die überdies auch immer grösser wird: Die am 29. Januar eröffnete diesjährige Ausgabe wartet gar mit einer um 6,000 Quadratmeter auf die neue Rekordmarke von über 25,000 Quadratmetern erweiterten Ausstellungsfläche auf, wie der veranstaltende Schweizerische Landmaschinen-Verband (SLV) stolz verkündet.

Immer weniger Betriebe und Beschäftigte, immer mehr Maschinen
Das ungebrochene Interesse an der AGRAMA kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der ganz gros-se Boom in der Mechanisierung der schweizerischen Landwirtschaft vorbei ist. Die langjährige Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist zwar nach wie vor eindrücklich: Im Vergleich zu 1970 wird in der schweizerischen Landwirtschaft heute für Maschinen und Geräte mehr als das Anderthalbfache ausgegeben: Gesamthaft stiegen die einschlägigen Investitionen bis 1990 von 2,02 Milliarden Franken (1970) auf 3,5 Milliarden Franken, wie Statistiken des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV) zu entnehmen ist. Da die Zahl der Betriebe im gleichen Zeitraum nahezu halbiert wurde, bedeutet dies, dass ein selbständiger Bauer heute im Durchschnitt dreimal mehr für Maschinen und Geräte ausgibt als noch vor rund zwei Jahrzehnten. Ein Blick auf den Traktorenbestand – der praktisch weltweit als einer der wichtigsten Indikatoren für den Mechanisierungsgrad gilt – bestätigt diese Entwicklung: Während immer weniger Bauernbetriebe immer weniger Arbeitskräfte beschäftigen, nahm die Zahl der Traktoren und anderer Transportfahrzeuge stetig zu (siehe Grafik). Verfügte 1965 nur knapp jeder zweite Landwirtschaftsbetrieb über einen Traktor, hat sich das Verhältnis inzwischen nahezu ins Gegenteil verkehrt: 1996 zählte das Bundesamt für Statistik (BFS) im Schnitt bereits 1,71 Traktoren pro Betrieb. Kaum anders verhält es sich mit den Melkanlagen: Während 1965 nur jeder fünfte Bauernbetrieb eine Melkanlage besass, kommt 1996 nur noch jeder fünfte Betrieb ohne eine solche aus.



Mantel Damen ESPRIT edc Jacke 104Cc1G003 by 43ARLqc5jVerlangsamtes Tempo

Doch dem Wachstum sind Grenzen gesetzt, und in den 90er Jahren hat sich das Tempo der Mechanisierung zumindest verlangsamt. Obwohl aktuelle Zahlen über die Gesamtinvestitionen noch nicht vorliegen, weist Robert Grüter von der Abteilung Statistik des SBV auf stagnierende Tendenzen hin: So sind die Ausgaben für Maschinen und Zugkräfte im Vergleich der Perioden 1989-1991 und 1994-1996 im Mittel aller Betriebe von 3,278 auf 3,003 Franken pro Hektare zurückgegangen. Die prekäre Einkommenslage vieler Bauernbetriebe ist nur ein Grund dafür. Laut Urs Hofer, Direktor des Schweizerischen Landmaschinen-Verbandes (SLV), wird die Investitionsfreudigkeit der Schweizer Bauern jeweils von recht kurzfristigen Entwicklungen beeinflusst und schwankt daher von Jahr zu Jahr. So seien die Ausgaben für Maschinen und Geräte im Jahr 1993, als die Direktzahlungen eingeführt wurden, markant angestiegen. Andererseits habe die "Verunsicherungsphase" über die Konkretisierung der Agrarpolitik 2002 im Jahre 1996 zu einer Flaute geführt. Für 1998 wiederum seien die Prognosen "recht optimistisch", meint Hofer.
Doch die Jahre der ständig wachsenden Maschinenkäufe dürften einstweilen der Vergangenheit angehören. Manfred Bötsch, Vizedirektor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), redet nicht darum herum: "Bei Aussichten auf einen Milchpreis von 70 Rappen pro Liter oder von 50 Franken pro Dezitonne Brotgetreide," sagte er anlässlich der AGRAMA-Eröffnung in St. Gallen, "werden die Maschinenkosten je Produktionseinheit nicht mehr auf dem heutigen Stand gehalten werden können." Auch der Strukturwandel, der nicht nur zu grösseren Betrieben führt, sondern auch zu allerlei Formen von Zusammenarbeit, wird laut Bötsch die quantitative Nachfrage nach Maschinen und Geräten dämpfen.

Druck zur Kostensenkung fördert Mechanisierung
Unwichtig wird die Landtechnik deshalb freilich noch lange nicht. Im Gegenteil: Der im Gang befindliche Umstrukturierungsprozess in der Landwirtschaft zwingt teilweise geradezu zur Mechanisierung. Marktöffnung und Agrarreform bringen weniger staatlichen Schutz und damit mehr Wettbewerb und tendenziell tiefere Konsumentenpreise. Die Folge: Der Druck zur Kostensenkung in der Produktion nimmt zu, was wie in der übrigen Wirtschaft den Trend zur Substitution der Arbeit durch Kapital verschärft. Anders gesagt: Selbst wenn das Einkommen stagniert, kann der Verzicht auf produktivitätssteigernde Investitionen unter Umständen fatal sein. Das haben gemäss Hofer viele, vorab jüngere Bauern begriffen. "Wer als Bauer eine Zukunft haben will, der sieht sich nach rationelleren Produktionstechniken um und gibt dafür auch Geld aus," hat Hofer beobachtet.

Qualitatives statt quantitatives Wachstum
Allerdings macht sich in der Mechanisierung eine Akzentverschiebung bemerkbar: Anstelle der quantitativen Vermehrung der Maschinen steht heute eher deren qualitative Verbesserung im Vordergrund. Wurden bis Ende der 80er Jahre rund 4000 Traktoren pro Jahr neu in Verkehr gesetzt, ist diese Zahl inzwischen auf 2200 zurückgegangen; Hofer rechnet damit, dass sie sich bei rund 2000 einpendeln wird. Die Landmaschinenbranche hat denn auch zum Teil bereits mit Umstrukturierungen auf diese Entwicklung reagiert. Statt um immer mehr Traktoren geht es heute darum, "die Schlagkraft des Maschinenparks" zu erhöhen, wie Bötsch es ausdrückt.

Innenmechanisierung im VormarschSATIN TOUGH ness CHICAGO mitchell and BULLS SEASON NBA mvy8NnwO0
Ausserdem verlagert sich die Stossrichtung der Mechanisierung auch in örtlicher Hinsicht: Nicht Traktoren und Mähdrescher, sondern Stalleinrichtungen, Melkstände und Fütterungsanlagen sind heute die Renner. Nach dem Feld scheint die Rationalisierung damit nun in Stall und Hof – wo sie etwa mit den Heubelüftungsanlagen schon vor geraumer Zeit Einzug hielt - vorzudringen. Grüter vom SBV spricht denn auch von der "Innenmechanisierung", welche die Investitionstätigkeit gegenwärtig präge. Neben dem Kostensenkungsdruck wirken sich hier freilich auch die bereits bestehenden oder noch erwarteten neuen Tierschutzvorschriften innovationsfördernd aus: Wer ohnehin einen Laufstall baut, schafft oft gleichzeitig eine moderne Entmistungsanlage an. Zum Teil bestehen die Investitionen auch aus reinen Umrüstungen. Urs Hofer nennt in diesem Zusammenhang etwa die vielerorts im Gang befindliche Ersetzung der Eimer- durch neuzeitliche Rohrmelkanlagen. Auch sie bringen freilich einen Produktivitätsgewinn mit sich.


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AGRAMA – mal in Lausanne, mal in St. Gallen

rp. Die schweizerische Landmaschinenschau AGRAMA 98 wurde am 29. Januar auf dem OLMA-Gelände in St. Gallen eröffnet und dauert noch bis zum Montag, 2. Februar. Die alljährliche Fachmesse wird organisiert vom Schweizerischen Landmaschinen-Verband (SLV) und abwechselnd in St. Gallen und in Lausanne durchgeführt. In der Waadtländer Metropole wurde die AGRAMA schon seit 1971 im Zweijahres-Turnus durchgeführt, während die Landmaschinen-Schau in der deutschen Schweiz bis Ende der 80er Jahre in die OLMA integriert war und überdies durch eine zentralschweizerische Messe konkurrenziert wurde. Als eigenständige Messe wird die AGRAMA in St. Gallen in diesem Jahr zum vierten Mal durchgeführt. Die fünfte Ausgabe wird im Jahr 2000 stattfinden.

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